Die Menschen im 18. Jahrhundert waren prüde und zugeknöpft? Von wegen! Mit diesem Vorurteil räumt eine neue Ausstellung im Museum Schloss Fürstenberg ab Mai 2026 gehörig auf. Im Zentrum steht dabei besonders ein Material: Porzellan.
Porzellan und Erotik, passt das zusammen?
Es gibt kein Material, das die Epoche des Rokoko so sehr prägt, wie Porzellan. Kleine Wissensauffrischung: Das Rokoko folgte auf den Barock und prägte die europäische Kunst von etwa 1730 bis 1780.
Schon vor der Epoche waren vor allem die Adelshäuser verrückt nach chinesischem Porzellan. Als dann aber ab Beginn des 18. Jahrhunderts auch in Sachsen das Geheimnis der Porzellanherstellung gelüftet worden war und europäische Manufakturen feine Figürchen, Geschirr und Tinnef herstellten, bekam die Faszination für das edle Material einen neuen Schub. Für die nächsten Jahrzehnte drückte sich das Selbstverständnis der Europäer im Porzellan aus. Gewissermaßen das Social Media des 18. Jahrhunderts.

Was für uns heute nach Kitsch aussehen mag, ist also ein Einblick in unsere Gesellschaft vor gut 300 Jahren. Einige Motive und Themen tauchen dabei in den Porzellanfiguren immer wieder auf: Erotik, Sexualität und Geschlechterbilder. In der Ausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“, die ab dem 23. Mai 2026 im Museum Schloss Fürstenberg zu sehen ist, stehen diese in Porzellan verewigte Motive von Liebe und Lust im Mittelpunkt. Und zwar in vier unterschiedlichen Ausstellungsabschnitten.
Was zeigt die Ausstellung „Der edle Akt“ im Museum Fürstenberg?
Im ersten Teil der Ausstellung steht alles im Zeichen der Körperbilder, vom 18. Jahrhundert bis heute. Was haben die Menschen damals und heute als „schön“ empfunden? Wie wurden diese Körperideale künstlerisch umgesetzt? Und wie stehen diese Ideale mit den jeweiligen Rollenbildern im Zusammenhang? Auch das eigene Körperbild und -ideal lässt sich in diesem Teil hinterfragen.

Im zweiten Teil geht es dann ganz um Lust und Liebe. Von früher Verliebtheit bis zu ungezügelter Lust, von zehrender Sehnsucht bis zu herzzerreißendem Liebeskummer – in wenig anderen Bereichen kochen die Gefühle so hoch wie in der Liebe. Werke der Gegenwart und der jüngeren Vergangenheit zelebrieren die Vielfalt der Lust, während gleichzeitig der lange Zeit vorherrschende, heteronormative und oft männliche Blick auf die Kunstproduktion hinterfragt wird.
Wie relevant ist Porzellan heute?
Das eigentliche Material, das Porzellan, steht im dritten Teil der Ausstellung im Fokus. Warum ist „Porzellanhaut“ ein Schönheitsideal? Und gilt Porzellan zurecht als „weibliches“ Material? Dass das Thema hochaktuell ist, zeigen ausgestellte Sextoys aus Porzellan. Der letzte Teil der Ausstellung schließlich befasst sich mit der Porzellan-Sammelwut historischer Persönlichkeiten, etwa des sächsischen Herzogs August des Starken oder der Madame de Pompadour, der Mätresse Ludwigs XV. Und anhand einer zeitgenössischen Sammlung lässt sich deren Inhaber in einer aufwendigen Inszenierung förmlich in den Kopf gucken. Warum sammelt der Mensch eigentlich so gerne?

Hinter einem für manche vielleicht altbackenen, gestrigen Thema verbergen sich also jede Menge zeitgenössische Aspekte. Wer dann noch nicht genug vom weißen Gold hat, schaut noch in der ständigen Ausstellung des Museums vorbei. Oder lässt sich den Herstellungsprozess in der Besucherwerkstatt Schritt für Schritt erklären.
Die Ausstellung „Der edle Akt. Porzellan und Erotik“ läuft im Museum Schloss Fürstenberg in Niedersachsen vom 23. Mai bis zum 20. Dezember 2026. Einmal im Monat gibt es eine spezielle Kurator*innen-Führung, allgemeine und kostenlose Führungen starten jeden Sonntag um 14 Uhr. Eintritt regulär 8,50 Euro, ermäßigt und für Kinder 5,50 Euro. Alle Informationen zur Ausstellung gibt’s auf der Website des Museums.






