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Rosenmontagszug in Köln
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Eine kurze Gebrauchsanweisung für den Kölner Karneval

Es gibt berechtigte Skepsis, diverse Gefahren und unweigerlich auftretende Missverständnisse. Außerdem ist der Kölner Karneval natürlich in vielerlei Hinsicht ein Klischee. Wer die mehr als 2.000 Jahre alte Stadt und ihre Bewohner verstehen will, kommt trotzdem nicht am wichtigsten Fest des Landes vorbei. Für Ortsunkundige ist es ein Wagnis. Doch mit Hilfe einer kleinen Anleitung aber sollte die Teilnahme am Kölner Karneval gelingen. 

Der Ausnahmezustand des Karnevals in Köln hat viele Gesichter. An den Tagen zwischen Weiberfastnacht, 11.11 Uhr, und der Verbrennung des Nubbel um Mitternacht vor Aschermittwoch kulminiert er stets darin, dass eine viel zu große Menge Menschen in oft aufwändig hergestellten Verkleidungen auf den Tischen eines Lokals tanzt, in jedem Winkel schunkelt und lauthals Lieder mit merkwürdigen Texten grölt. Quer durch alle Altersklassen und jede Gesellschaftsschicht. 

Niemand fragt sich in solchen Augenblicken, warum er schwitzend in ein Tierkostüm gehüllt ist und mit wildfremden Personen des anderen Geschlechts tanzt. Beseelt von etlichen Kölsch, beruft man sich stattdessen lieber auf den katholischen Charakter der Stadt. Das bedeutet, vor allem in diesem Zustand, auch die Fähigkeit zur Vergebung. Oder besser gesagt: zur Selbstvergebung.

Steigende Nervosität

Doch der Reihe nach: Wenn die Tage kurz werden, nimmt die Nervosität des Jecken sichtbar zu. Denn so unvorhersehbar der Karneval für den Einzelnen sein kann, so generalstabsmäßig verlaufen die Vorbereitungen. Schon bald nach Aschermittwoch bringt sich das Personal für die nächste Session in Stellung. Schließlich kann sich nur ein Mann pro Kalenderjahr den Traum erfüllen, Prinz zu werden in Kölle am Rhein. Es sei denn, die Bewerber nehmen im närrischen Umland mit der Würde des höchsten Amtes vorlieb. Auch das ist ehrenwert. Aber eben nicht dasselbe. 

Die Aufgabe übrigens erfordert eine seriöse Vorbereitung: es warten Hunderte Termine auf das Dreigestirn, die nicht alle glamourös sind. Dabei wird der Prinz von Jungfrau und Bauer begleitet. Die Würdenträger müssen stets in makellosem Ornat erscheinen und einen belastbaren Eindruck zu hinterlassen. Was das betrifft, ist der Karneval in Köln eine ernsthafte Sache. Daher stellt das Festkomitee Kölner Karneval das designierte Dreigestirn bereits im Sommer vor. Anschließend vergehen bis zum Start der Session noch vier lange Monate. 

Kölner Dreigestirn feiert Straßenkarneval
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Schnaps und Zahlen

Das Datum des 11. 11. übrigens ist ein Indikator für die weniger subtilen Seiten des Frohsinns. Überhaupt stehen während der fünften Jahreszeit Schnapszahlen hoch im Kurs. Die Karnevalsvereine im Rheinland etwa feiern ihre Jubiläen stets im 44. oder 66. Jahr ihres Bestehens. Wer einen etwas nüchternen Ansatz sucht, wird jedoch auch fündig: Am „Elften im Elften“ dauert es noch weitere 50 Tage, ehe das laufende Jahr zu Ende ist. Ein schönes Etappenziel bei der Vertreibung der bösen Geister des Winters, was ursprünglich Sinn und Zweck des Straßenkarnevals war. 

Nach der offiziellen Sessionseröffnung in der Altstadt ziehen die Jecken erstmals in die einschlägig bekannten Hochburgen. Hier kann sich der Auftakt schon mal bis tief in die Nacht hinziehen. Bald darauf laden die Karnevalsgesellschaften zu ihren Sitzungen. In Sälen und eigens errichteten Zelten sitzen die häufig mit Narrenkappen ausstaffierten Jecken auf Stühlen und Bänken. Hier lauschen sie den rhetorisch aufgeladenen Späßen von Büttenrednern wie dem Sitzungspräsidenten. 

Funkenmariechen tanzen während Kölner Karneval bei den Umzügen
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Die Jecken schauen den knapp bekleideten Funkemariechen bei ihren akrobatischen Tanzeinlagen zu. Oder aber sie schunkeln zu heimischen Mundartformationen wie den „Bläck Fööß“, den „Höhnern“ oder „Brings“. Je später der Abend, umso ausgelassener die Stimmung. Dahinter verbirgt sich eine regelrechte Unterhaltungsindustrie. Die beliebtesten Formationen erhalten für Auftritte, die selten länger als 30 Minuten dauern, 3.000 Euro und mehr. 

Großer Rausch

All diese Abende enden gerne in einem kollektiven Rausch. Der langjährige Direktor des Museum Ludwig, Kaspar König, leitete daraus ab, dass die Kölner nicht nur dem Alkohol zugeneigt sind. Nein, die Bewohner der „Stadt mit K“ tendieren auch zur Selbstbesoffenheit. Damit hat er ein geflügeltes Wort geschaffen, das zugleich die dichterische Basis für den Liederkanon der Stadt erklärt. Nur so ist zu erklären, dass es Hunderte von Liedern gibt, die sich damit befassen, dass Köln die tollste, toleranteste, schönste oder auch „geilste“ Stadt ist. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt.       

Dabei handelt es sich keineswegs nur um ein Phänomen der Vergangenheit, denn der Liederkanon wächst beständig. Das ist auch einem Wettbewerb namens „Loss‘ mer singe“ zu verdanken. Dabei handelt es sich um eine auch Kölner Grand Prix der Lieder. Nach gründlicher Vorauswahl stellt eine Jury aus den Neukompositionen von Bands wie Miljöh, Querbeat und den etablierten Größen erst die potenziellen Hits für die bereits laufende Session zusammen. Anschließend wird die Auswahl in einschlägig bekannten Feierhochburgen zwischen Rodenkirchen und Niehl und zwischen Weiden und Porz vorgestellt. Wenn das Publikum sofort mitsingt, bedeutet das: der Song ist massenkompatibel und wird ein Hit. Abschließend wird wie beim Eurovision Song-Contests der Sieger ausgewählt. Ein großer Spaß, der schnell ausverkauft ist. 

Vor Weihnachten macht der Kölner Karneval eine Pause

Aus Respekt vor der Adventszeit und den Weihnachtsfeiertagen geht es im Dezember eher ruhig zu. Doch schon bald nach dem Jahreswechsel nimmt der Sitzungskarneval rasch wieder an Fahrt auf. Jetzt werden auch in der Umgebung von Köln die Prinzen gekrönt. Je nachdem, wann der Sessionshöhepunkt folgt, muss nun auch nicht mehr allzu viel Zeit totgeschlagen werden. Passenderweise richtet sich die Berechnung des Karnevalsdatums nach dem Mond, denn Aschermittwoch liegt Jahr für Jahr genau 46 Tage vor Ostersonntag. Dieser Feiertag ist seines Zeichens auf den ersten Sonntag nach dem ersten Vollmond im Frühling datiert. 

Frau hat Köln_Wappen im Gesicht tätowiert und schaut den Rosenmontagszug
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Wenn es dann endlich Weiberfastnacht ist, müssen zunächst die Krawatten der Büroarbeiter dran glauben. Ab 11.11 Uhr dürfen – gendermäßig ganz fortschrittlich – die Damen alle verfügbaren Krawatten rituell abschneiden. Ab diesem Moment kann es der Rest der Welt für die nächsten sechs Tage getrost vergessen, irgendeinen rheinischen Geschäftspartner im Büro anzutreffen. Das öffentliche Leben liegt platt – und das gilt auch für den Berufsalltag.

Schlange stehen vor der Kneipe

Nach dem närrischen Auftakt unter freiem Himmel geht es nun ab in die Kneipe. Dabei gehört es zum guten Ton, stundenlang vor dem auserkorenen Lokal auszuharren. Denn jeder weiß: wo die Leute vor der Türe Schlange stehen, ist die Party am besten. Vom ursprünglichen Plan abzuweichen bringt gar nichts. Denn bei allen guten Adressen, in denen das Bier in Strömen fließt und wo die ungeschriebenen Gesetze des Karnevals beachtet werden, herrscht überall ähnlicher Andrang. 

Bier wird durch die Menschenmenge vor Kölner Kneipe gereicht
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Alle Nichtkölner halten sich am besten an die Empfehlungen der Einheimischen ihres Vertrauens. Die werden ihnen vielleicht verraten, wo die Mischung aus Ausgelassenheit, Euphorie und gutem Benehmen am besten ist. Im Weißen Holunder am Rande des Belgischen Viertels. Im Backes oder im Mainzer Hof in der Südstadt. Oder aber im Brauhaus Stüsser im Agnesviertel. Wer es größer mag, besucht die Brauhäuser von Gaffel oder Peters. Die Party mit den meisten Zuschauern steigt in der Lanxess Arena, wo sämtliche Größen des Karnevals zumindest für einen Kurzauftritt vorbeischauen. 

Ohne Pause weiter

So viel zum Donnerstag. Wer muss, schleppt sich am Karnevalsfreitag für wenige Stunden zum Arbeitsplatz. Ob der Ausflug ins Büro produktiv wird, ist eine andere Frage. Der Abend verläuft dann ganz ähnlich wie der vorherige. Meistens wird in der Südstadt am exzessivsten gefeiert. Am Samstag bereichern die ersten Veedelszügen den Straßenkarneval. Eine Besonderheit ist der Geisterzug. Dieser zieht am Samstagabend bei eisernem Verzicht auf Kamelle immer wieder auf einem anderen Parcours durch die Stadt. Es ist die politische Variante des Kölschen Karnevalszugs. 

Als Monster verkleidete Menschen beim Kölner Karneval
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Unangefochtener Höhepunkt aber bleibt der Rosenmontagszug. Dieser zieht mit aufwändig dekorierten Mottowagen und Dutzenden von Fußgruppen sieben bis acht Stunden lang durch Köln. Mehr als eine Million Zuschauern säumen den Weg, von denen sich nicht wenige einen Jahresvorrat an Süßigkeiten sichern. 

Ekstase in den Kneipen

Anschließend heißt es erneut: Auf zur Kneipe, ab in die Schlange, schon dort neue Leute kennen lernen und dann bis zum Morgengrauen feiern. Wer noch Energie übrig hat, macht sich am Dienstag nach Ehrenfeld oder in die Südstadt auf. Hier ziehen weitere Veedelszüge durch die Straßen. Danach gilt es in den Kneipen die letzten Bons zu verbraten. Um Mitternacht schließlich folgt die Verbrennung des Nubbels. Um den Jecken die Absolution im katholischen Sinne zu erteilen, wird die Strohpuppe mit den roten Haaren kurzerhand für alle Sünden verantwortlich gemacht. Wer ist schuld am Untreusein? Der Nubbel! Wer hat mich zum Saufen verführt? Der Nubbel! Und so weiter. 

Menschen stehen vorm Kölner Dom und feiern Karneval
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Am Aschermittwoch ist alles vorbei

Viele Kölner haben am darauffolgenden Tag keinerlei Schwierigkeit mit einer Art Generalamnestie. Ehen oder Partnerschaften mögen sechs Tage nicht mehr gezählt haben. Alle Diäten waren unterbrochen. Doch das war gestern. Und wie ein etabliertes Lied aus dem Karnevals-Kanon richtig formuliert, gilt nun die Devise:

Am Aschermittwoch ist alles vorbei, die Schwüre von Treue, sie brechen entzwei.

So bleiben die Kontaktanzeigen in den Tagen und Wochen danach meist unbeantwortet. Dafür endet der Karneval mit der Erkenntnis: „Oh, ich bin ja doch noch interessant für andere.“ Nicht wenige Beziehungsexperten denken, dass dies für den Rest des Jahres genügt, um Treue zu üben. Dabei ist es jedem Einzelnen unbenommen, seine Grenzen zu definieren und durchzusetzen. Und wenn man für das persönliche Dafürhalten über die Stränge geschlagen hat, bleibt immer noch der Nubbel, auf dem man die Schuld abladen kann. 

Konfetti liegt auf Straße
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Während eventuelle Bekanntschaften zu vagen Erinnerungen verblassen, beginnt die Fastenzeit. Wer bis Ostern die Finger von allen irdischen Versuchungen lässt, liegt bei der Selbstreinigung ganz weit vorne. Das ist leicht gesagt, denn getan, denn die ganzen Lieder, die in der zurückliegenden Woche wie eine Gehirnwäsche gewirkt haben, sie hallen manchmal noch wochenlang nach. 

Mehr Informationen zum Kölner Karneval gibt es auf der Website von Köln Tourismus oder auf der Website Kölner Karneval.

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