CLICK HERE FOR OUR ENGLISH WEBSITE
Luftaufnahme von Kaiserslautern bei Nacht
Daniel Stewart Lustig | shutterstock.com

Jetzt wird’s eng: Das Hotel Alcatraz in Kaiserslautern

text
Harald Braun

Bei der Steuererklärung gemogelt? Eine Bank überfallen? Wer demnächst nicht über Los, sondern ins Gefängnis geht, kann sich in Kaiserslautern schon mal auf das Leben in der Einzelzelle vorbereiten. Harald Braun hat für uns eine Nacht im Kittchen gewagt.

„Möchten Sie eines unserer Komfortzimmer buchen oder lieber eine unserer originellen Zellen“, fragt der Mitarbeiter des „Alcatraz“-Hotels aus Kaiserslautern den interessierten Übernachtungsgast am Telefon freundlich. Man darf davon ausgehen, dass den früheren Bewohnern dieses wuchtigen Kastens am Morlauterer Weg eine derartige Wahl nicht gelassen wurde: Ab 1867 setzte man hier verurteilte Bösewichte in einem schmucklosen Zuchthaus fest. Komfortzimmer dürften dabei keine vergeben worden sein. Später hieß das offiziell erst als „Königlich Bayrisches Bezirksgefängnis“ geführte Haus schlicht „Justizvollzugsanstalt Kaiserslautern“. Das passte wohl auch besser zur trüben Atmosphäre des roten Sandsteingebäudes am Rande der Kaiserslauterner Innenstadt. Zu seinen berühmtesten Insassen zählten einst der Philosoph Friedrich Engels und der Hambacher Revolutionär Johann Georg August Wirth. Spötter behaupten, dass die Abwehrspieler des berühmten örtlichen Fußballklubs in den 1970er-Jahren wegen ihrer Spielweise ebenfalls hinter Gitter gehört hätten, aber soweit sich das in Erfahrung bringen ließ, hat es keinen der „Roten Teufel“ je erwischt.

Erst 2002 wurde die Justizanstalt geschlossen, um sechs Jahre später unter dem Namen „Alcatraz“ als Hotel wiedereröffnet zu werden. Zwei Millionen Euro soll der Umbau gekostet haben. In eine gemütliche Einrichtung, so viel vorweg, ist da offensichtlich kein Cent verschwendet worden. Das Haus firmiert als „Erlebnishotel“. Was das unter anderem heißen mag, verkündet schon ein Plakat am Eingang des Hotels: An Wochenenden findet hier schon einmal „Das Original Krimidinner“ statt. Eine passendere Umgebung für solch ein Event ließe sich in der Tat kaum vorstellen. Schon der Eingangsbereich des Hotels weist auf seine Vergangenheit hin. Der Herr an der Rezeption hockt in einem schwarzen Gitterkäfig, in dem man früher Großwild im Zirkus unterbrachte. Auch die Bar des Hauses „Hinter Gittern“ ist in solch einem sinistren Stäbe-Verhau untergebracht. Das kann man originell finden und dem Motto des Hauses angemessen, einladend allerdings wirkt es nicht. Aber das ist wohl auch nicht der Plan im „Alcatraz“. Das Hotel wurde schon 2010 von der Aktion „Deutschland – Land der Ideen“ als „Ausgewählter Ort“ ausgezeichnet, erfüllt also offenbar seinen Zweck. Wer hierher kommt, um eine Nacht hinter Gittern zu verbringen, ist an Gemütlichkeit und Komfort nicht vordergründig interessiert.

Es ist mehr die Lust am Nervenkitzel und am risikoarmen Gruseln, das einen in den Ex-Knast führt, um dort – hoffentlich nur einmal im Leben – dem kargen Dasein eines Knastbruders respektive einer Knastschwester nachzuspüren. Dementsprechend unpopulär ist auch die Buchung eines der 21 „komfortablen“ Zimmer oder sogar der wenigen „Suiten“ des Hauses. Stattdessen möchte man doch – wenn schon, denn schon – in einem der 36 Zellenzimmer übernachten. Die sind originalgetreu mit nüchternen Pritschen ausgestattet und einer frei einsehbaren Toilette in der Zellenecke. Das vergitterte Fensterchen erlaubt den Blick in die Freiheit, die kompakte Zellentür mit der Klappe – auch als Durchreiche bekannt – verstärkt das Gefühl dieser recht authentischen „Vollzugserfahrung“. Allerdings traut man seitens der Anstaltsleitung – beziehungsweise der Hoteldirektion – der demütigen Haltung seiner Gäste nur bedingt. Oder wie sonst ist zu verstehen, dass in der Zelle ein Flachbildschirm installiert worden ist, um rund um die Uhr für Unterhaltung zu sorgen? Eine drahtlose Internetverbindung allerdings wird hier nicht angeboten, sondern nur im Lobby-Bereich des Hotels. Geduscht wird außerhalb der eigenen Zelle in einem – abschließbaren, puh! – Badezimmer auf dem Flur.

Das Frühstück wird allerdings nicht aufs Zimmer beziehungsweise in die Zelle gebracht, sondern ist in der Zeit zwischen 7 Uhr und 10:30 Uhr in einer Art schnödem Mehrzweckraum gleich neben der Rezeption einzunehmen. Dort wird ein überschaubar üppiges Büffet aufgebaut, das man so oder ähnlich sicher auch im Kegelcenter einer Kleinstadt oder im Aufenthaltsraum einer Besserungsanstalt erwartet. Aber selbst dieser doch eher kümmerliche gastronomische Auftritt entspricht der Intention des Hauses, ein spürbar authentisches Erlebnis zu garantieren. Wie steht es so prosaisch im Prospekt des Alcatraz: „Your experience is our pleasure.“

Defekter Oldtimer auf dem Hotelgelände
Harald Braun

Richtig schräg allerdings ist der Umstand, dass sich ein ganz solides japanisches Restaurant im „Alcatraz“ eingerichtet hat. Wenn man es auf den langen Fluren denn mal gefunden hat und sich seine nachlässige Deko wegdenkt, dürfte die Küche angenehm überraschen. Warum es sich ausgerechnet im Alcatraz befindet, wird nach einem Spaziergang in der Umgebung klar. Man stößt nämlich in diesem Fall nicht nur auf einen ausrangierten Gefängnisbus und eine Art Al-Capone-Gangsterkarosse auf dem Hof, sondern auch auf einen hübschen japanischen Garten nur eine Minute vom Alcatraz entfernt. Hier kommt zusammen, was eigentlich nicht zusammengehört – und das könnte auch das Motto dieser kreativen Hotelidee sein.