Einmal im Jahr gibt die Deutsche Unesco-Kommission die Neuzugänge beim Immateriellen Kulturerbe Deutschland bekannt, und am 27. März 2026 war es wieder so weit. Fünf Traditionen und Gewerke können sich über die Aufnahme freuen. Hier erfährst du, welche es sind.
Die Bolzplatzkultur | bundesweit
Ehrlich gesagt ist es ein bisschen verwunderlich, dass dieser Eintrag nicht schon früher stattgefunden hat. Denn wohl kaum jemand ist in Deutschland ohne mindestens einen Besuch auf dem örtlichen Bolzplatz aufgewachsen. Dabei ist es völlig unerheblich, ob der nun mit Gras bewachsen, mit Dreck oder Asche ausgelegt oder gleich asphaltiert ist. Hauptsache, es gibt die Möglichkeit, einen Ball von A nach B zu befördern. Wobei B im besten Falle ein Tor ist, im Zweifel tun es aber auch zwei aufgestellte Wasserflaschen.

Das fand eben auch die Unesco-Kommission. Denn auf dem Bolzplatz wird nicht einfach „nur“ gekickt. Kinder und Jugendliche lernen auch, miteinander in Kontakt zu treten und soziale Dynamiken auszuhandeln. Einen Schiri gibt es meist nicht, die Kunst liegt im Konsens. Damit ist der Bolzplatz ein Begegnungsraum für die Nachbarschaft, ohne große Hürden zugänglich und mit einer eigenen Tradition, die oft von den Älteren an die Jüngeren weitergegeben wird. Ach, und Torwarttor zählt natürlich doppelt!
Das Herrenschneiderhandwerk | bundesweit
Heutzutage muss man nach einem Herrenschneider schon fast suchen. Was schade ist! Umso besser, dass das Handwerk in das Immateriellen Kulturerbe aufgenommen wurde. Das Herrenschneiderhandwerk steht in starkem Kontrast zur allgegenwärtigen Fast Fashion. Einzelstücke statt Massenabfertigung. Hochwertige Materialien statt günstiger Kunstfasern. Und natürlich das geschulte Auge und die durch Tausende Arbeitsstunden sicher geführte Hand des Schneiders.

Das hat seinen Preis, gar keine Frage. Aber ein Stück vom Schneider ist im besten Fall ein Stück fürs Leben. Gleichzeitig, so die Kommission, ist das Handwerk auch dynamisch und passt sich den Gegebenheiten unserer Zeit an. Reagiert auf veränderte Körperbilder, Materialien und gesellschaftliche Anforderungen. Mehr als erhaltenswert.
Die Martinstradition | Rheinland
Der November ist vielerorts ein recht undankbarer Monat. Die Tage werden merklich kürzer, das Wetter kalt und nass und die Weihnachtszeit mit ihren Märkten und Leckereien ist noch weit entfernt. In dieser Tristesse scheint die Martinstradition vor allem (aber nicht nur) im Rheinland wie eine helle Laterne in der Dunkelheit. Und wurde deshalb nun im Kulturerbe aufgenommen.

Denn in der Tradition finden Laternenumzüge, Martinslieder und die Darstellung der Mantelteilung zu einem familienfreundlichen, sinnstiftenden Ereignis zusammen. Die Vorbereitung für den Martinsumzug findet oft in Gemeindezentren, Kindergärten oder anderen Gemeinschaftsräumen statt und führt Nachbarn, Familien und Vereine zusammen. Zugehörigkeit und Miteinander stehen im Fokus, ausgedrückt durch gemeinsames Essen und vor allem gemeinsames Singen. Und wer an einem Laternenumzug mit nicht immer ganz tonsicheren aber umso enthusiastischeren Kindern vorbeigehen kann, ohne zumindest etwas zu schmunzeln, dem ist auch nicht mehr zu helfen.
Schaustellerkultur auf Volksfesten | bundesweit
Mindestens einmal im Jahr geht wohl jeder Deutsche auf ein Volksfest in seiner Nähe (gefühlte Wahrheit). Grund dafür ist nicht zuletzt die Vielzahl an unterschiedlichen Buden, Fahrgeschäften und Leckereien, die auf Kirmes, Jahrmarkt, Schützenfest oder Weihnachtsmarkt zusammenkommen. Die sind keine Selbstverständlichkeit. Dahinter stecken eine eigene Welt, aufwendige Logistik und der Wille, für ein paar Tage ein kleines Dorf auf Rädern zu schaffen.

Jährlich finden in Deutschland an die 9.750 Volksfeste statt. Und die dahinterstehende Schaustellerkultur wurde nun mit der Aufnahme ins Immaterielle Kulturerbe Deutschland gewürdigt. Insbesondere die handwerklichen Techniken und die gastronomischen Fähigkeiten wurden von der Kommission hervorgehoben. Aber auch die Familien- und Gemeinschaftstraditionen, die sich oft über Jahrzehnte hinweg erstrecken. Wir machen uns schonmal schlau, wo die nächste Kirmes steigt.
Küstenfischerei an der Ostseeküste und in den Boddengewässern | Mecklenburg-Vorpommern
Mit dem kleinen Kutter raus auf den Bodden, auf du und du mit der Natur. Klar, die Vorstellung von der Küstenfischerei ist bei den meisten Menschen wohl ziemlich sozialromantisch aufgeladen. Beeindruckend ist das Handwerk trotzdem. In Mecklenburg-Vorpommern ist der Beruf noch einmal mit eigenen Herausforderungen verbunden, denn die küstennahen Gewässer und die Bodden der Ostsee kommen mit speziellen Anforderungen daher.

Dieses Wissen und die daraus erwachsene Tradition, die oft über Generationen hinweg weitergegeben wurde, sind nun im Immateriellen Kulturerbe verewigt. Die sogenannte „Kleine Küstenfischerei“ ist laut Kommission mehr als „nur“ Lebensunterhalt, sondern darüber hinaus auch eine identitätsstiftende Kulturform. Vor allem das Zusammenleben von Mensch und Natur, der scharfe Blick auf die Eigenheiten des Ökosystems und das handwerkliche Wissen haben die Kommission überzeugt. Und uns auch.
Seit 2003 führt die Unesco das Immaterielle Kulturerbe. Das gibt es einmal weltweit, und dann noch einmal einzeln für die teilnehmenden Länder. Zu denen auch Deutschland zählt. Die deutsche Unesco-Kommission prüft einmal jährlich gemeinsam mit der Kulturministerkonferenz die Vorschläge, die aus der gesamten Gesellschaft kommen. Sinn des Verzeichnisses ist es, die zahlreichen und unterschiedlichen kulturellen Ausdrucksweisen und Traditionen zu verewigen und ins Interesse der Allgemeinheit zu stellen. Mit den Neuzugängen 2026 beläuft sich die Zahl der Einträge nun auf 173.
Das gesamte Verzeichnis gibt es hier auf der deutschen Website der Unesco.






